ludus sollemnis

 

Wir sind geheiligt ein für allemal durch das Opfer des Leibes Jesu Christi (Hebräer 10, 10)

Das Drama ist als ludus sollemnis (feierliches Glasperlenspiel, Jahresspiel) konzipiert. Das Publikum wird vom Magister ludi durch die fünf Tropen des Dramas geführt und meditiert auf alle fünf.

Dieser ludus besteht aus einer „Sentenz“, die das allgemeine Muster ausdrückt, anschließend aus fünf von der Sentenz abgeleiteten Tropen; jede dieser Tropen weist auf ein literarisches Werk oder eine Bibelstelle hin. Die Bibelstellen sind der Einheitsübersetzung entnommen. Nach jedem Akt wird eine „Glosse“, eine Deutung der Tropen vorgegeben und das Publikum meditiert darauf in Stille. Der ludus gipfelt in einer abschließenden Meditation über die Glosse der Sentenz und dadurch auf die ganze dramatische Handlung.

Der vorgesehene Raum für diesen ludus paschalis ist der Altarraum einer Kirche.  Dieser Raum wird als eine Art Schachbrett angesehen, mit acht Positionen verbunden an existierenden architektonischen Elementen: Altar, Kathedra, Ambo, usw.  Während der Handlung des Spieles besetzen die Rollen diese Positionen und bewegen sich von einer zur anderen.

Es gibt eine weitere Rolle, die des Magister ludi, welche der Rolle des Doktors, Engels oder Prologes in den mittelalterlichen Dramen ähnlich ist. Der Magister ludi hat seinen Platz während des ludus am Ambo und bewegt sich nicht von dort, sondern verkündet die Tropen und Glossen; er führt die Zuhörer in der Meditationsübung über jede Glosse.

Rollen

Es gibt Rollen für sieben Schauspieler. Sie werden folgendermaßen verteilt:

Schauspieler 1 (Priester/Vater):  Abraham       Jiftach          Agamemnon

Schauspieler 2 (Sekundant des Priesters):   Kalchas          unreuiger Schächer

Schauspieler 3 (männliches Opfer):  Isaak              Orestes             Christus

Schauspielerin 1 (weibliches Opfer):  Jiftachs Tochter                  Iphigenie

Schauspieler 4:  (Sekundant des Opfers):  Pylades           reuiger Schächer

Schauspieler 5 (Gottheit, göttliches Wesen):  Engel             Artemis

Schauspieler 6: Magister ludi

Positionen

1. Priester: hinter dem Altar, in der Mitte.

2. Opfer: vor dem Altar, in der Mitte.

3. Gottheit: an der Kathedra.

4. Sekundant des Priesters: hinter dem Altar, links (ggf. auch rechts), und hinter Pos. 1.

5. Sekundant des Opfers: vor dem Altar, rechts (ggf. auch links), und hinter Pos. 2.

6. Magister ludi: am Ambo.

Sentenz

An einem Altar bringt ein Priester einer Gottheit ein Opfer, doch das Opfer wird durch die Gottheit verwandelt.

Prolog

[Magister ludi tritt bei Position 2 ein. Nach einer Verbeugung vor dem Altar geht er zu seiner Position am Ambo.]

Magister ludi: Jeder Priester steht Tag für Tag da, versieht seinen Dienst und bringt viele Male die gleichen Opfer dar, die doch niemals Sünden wegnehmen können. Dieser aber hat nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht und sich dann für immer zur Rechten Gottes gesetzt.

Trope 1: Abraham und Isaak

Magister Ludi: Auf dem Berg Moriah ist Abraham im Begriff, seinen Sohn Isaak Jahweh zu opfern, doch er wird durch den Engel des Herrn daran gehindert.

Text:  Gen. 22

[Abraham, Isaac treten bei Position 2 ein.  Abraham geht zu Position 1.

Engel tritt bei Position 3 ein.]

Isaac: Vater!

Abraham: Ja, mein Sohn!

Isaac: Hier ist Feuer und Holz. Wo aber ist das Lamm für das Brandopfer?

Abraham: Gott wird sich das Opferlamm aussuchen, mein Sohn.

[Abraham, hält Opfermesser, geht zu Position 2.]

Engel: Abraham! Abraham!

Abraham: Hier bin ich.

Engel: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen einzigen Sohn nicht vorenthalten.

Magister ludi: Als Abraham aufschaute, sah er: Ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.

[Abraham, Isaak und Engel ab.]

Magister Ludi: Abraham wollte Isaak opfern, doch er fand einen Widder als Ersatz.

[Sitzt oder kniet in Versenkung, lädt das Publikum ein, das Gleiche zu tun. Ein paar Minuten Stille; oder es kann Musik geben.]

Trope 2: Jiftachs Tochter

Magister Ludi: In Mizpah entscheidet Jiftach, seine Tochter Jahweh zu opfern, doch wegen ihrer Trauer wird er zwei Monate lang daran gehindert.

Text:  Richter 11, 29-40

Magister Ludi: Da kam der Geist des Herrn über Jiftach und Jiftach zog durch Gilead und Manasse nach Mizpa in Gilead und von Mizpa in Gilead zog er gegen die Ammoniter. Jiftach legte dem Herrn ein Gelübde ab und sagte: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir als Erstes aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen.

Darauf zog Jiftach gegen die Ammoniter in den Kampf und der Herr gab sie in seine Gewalt. So wurden die Ammoniter vor den Augen der Israeliten gedemütigt. Als Jiftach nun nach Mizpa zu seinem Haus zurückkehrte, da kam ihm seine Tochter entgegen; sie tanzte zur Pauke. Sie war sein einziges Kind; er hatte weder einen Sohn noch eine andere Tochter.

[Jiftach tritt bei Position 1 ein.  Tochter tritt bei Position 2 ein.]

Jiftach: Weh, meine Tochter! Du machst mich niedergeschlagen und stürzt mich ins Unglück. Ich habe dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen und kann nun nicht mehr zurück. Ich habe dem Herrn gesagt: Wenn du die Ammoniter wirklich in meine Gewalt gibst und wenn ich wohlbehalten von den Ammonitern zurückkehre, dann soll, was immer mir als Erstes aus der Tür meines Hauses entgegenkommt, dem Herrn gehören und ich will es ihm als Brandopfer darbringen.

Tochter:  Mein Vater, wenn du dem Herrn mit eigenem Mund etwas versprochen hast, dann tu mit mir, was du versprochen hast, nachdem dir der Herr Rache an deinen Feinden, den Ammonitern, verschafft hat.

[Jiftach geht zu Position 2.]

Nur das eine möge mir gewährt werden: Lass mir noch zwei Monate Zeit, damit ich in die Berge gehe und zusammen mit meinen Freundinnen meine Jugend beweine.

Jiftach:  Geh nur!  [Tochter ab.]

Magister Ludi: Sie aber ging mit ihren Freundinnen hin und beweinte ihre Jugend in den Bergen. Als zwei Monate zu Ende waren, kehrte sie zu ihrem Vater zurück und er tat mit ihr, was er gelobt hatte; sie aber hatte noch mit keinem Mann Verkehr gehabt. So wurde es Brauch in Israel, dass Jahr für Jahr die Töchter Israels (in die Berge) gehen und die Tochter des Gileaditers Jiftach beklagen, vier Tage lang, jedes Jahr.

Magister Ludi: Jitzach musste das Opfer seiner Tochter verschieben, weil sie auf den Bergen trauern musste.

[Sitzt oder kniet in Versenkung, lädt das Publikum ein, das Gleiche zu tun. Ein paar Minuten Stille; oder es kann Musik geben.]

Trope 3: Iphigenie in Aulis

Magister Ludi: In Aulis opfert Agamemnon (durch Kalchas) seine Tochter Iphigenie der Göttin Artemis, doch sie wird von dieser gerettet.

Text:  Racine, Iphigénie

Magister Ludi: Souvenez-vous du jour qu’en Aulide assemblés

Nos vaisseaux par les vents semblaient être appelés.

Nous partions; et déjà par mille cris de joie

Nous menacions de loin les rivages de Troie.

Un prodige étonnant fit taire ce transport :

Le vent qui nous flattait nous laissa dans le port.

Il fallût s’arrêter, et le rame inutile

Fatigua vainement une mer immobile.

Ce miracle inouï nous fit tourner les yeux

Vers la divinité qu’on adore en ces lieux.

Quelle fut sa réponse! prononcée par Calchas.

[Agamemnon tritt bei Position 4 ein.

Kalchas tritt bei Position 1 ein.]

Kalchas : Vous armez contre Troie une puissance vaine,

Si dans un sacrifice auguste et solennel

Une fille du sang d’Hélène

De Diane en ces lieux n’ensanglante l’autel.

Pour obtenir les vents que le ciel vous dénie,

Sacrifiez Iphigénie.

[Iphigenie tritt bei Position 2 ein.]

Iph: Je saurai, s’il le faut, victime obéissante,

Tendre au fer de Calchas une tête innocente,

Et respectant le coup par vous-même ordonné,

Vous rendre tout le sang que vous m’avez donné.

Si pourtant ce respect, si cette obéisssance

Paraît digne à vos yeux d’une autre récompense,

Si d’une mère en pleurs vous plaignez les ennuis,

J’ose vous dire ici qu’en l’état où je suis

Peut-être assez d’honneurs environnaient ma vie

Pour ne pas souhaiter qu’elle me fût ravie,

Ni qu’en m’arrachant un sévère destin

Si près de ma naissance en eût marqué la fin.

Fille d’Agamemnon, c’est moi qui la première,

Seigneur, vous appelai de ce doux nom de père;

C’est moi qui, si longtemps le plaisir de vos yeux,

Vous ai fait de ce nom remercier les Dieux.

Ag: Ma fille, il faut céder. Votre heure est arrivée.

Songez bien dans quel rang vous êtes élevée.

Je vous donne un conseil qu’à peine je reçois.

Du coup qui vous attend vous mourrez moins que moi.

Montrez, en expirant, de qui vous êtes née;

Faites rougir ces Dieux qui vous ont condamnée.

Allez; et que les Grecs, qui vont vous immoler,

Reconnaissent mon sang en le voyant couler.

[Kalchas geht zu Position 2.  Artemis geht zu Position 2.]

Artemis, Iphigenie gehen zu Position 3.]

[Kalchas, Artemis, Iphigenie, Agamemnon ab.]

Magister Ludi: Agamemnon und Kalchas waren im Begriff, Iphigenie zu opfern, doch laut Euripides wollte Artemis dieses Opfer nicht. Sie ersetzte Iphigenie mit einem Hirsch. Da nahm sie Iphigenie zu sich und machte sie zu ihrer Priesterin in Tauris.

[Sitzt oder kniet in Versenkung, lädt das Publikum ein, das Gleiche zu tun. Ein paar Minuten Stille; oder es kann Musik geben.]

Trope 4: Iphigenie auf Tauris

Magister Ludi: In Tauris ist Iphigenie im Begriff, ihren Bruder Orestes der Göttin Artemis zu opfern, bis er sich zu erkennen gibt und dadurch den Opferakt verhindert.

Text: Goethe, Iphigenie auf Tauris  III.

[Iphigenie tritt bei Position 1 ein.

Orestes tritt bei Position 2 ein.   Pylades tritt bei Position 5 ein.]

[Iphigenie geht zu Position 2.]

[Artemis tritt bei Position 3 ein.]

Orest: Ich kann nicht leiden, dass du große Seele

Mit einem falschen Wort betrogen werdest.

Ein lügenhaft Gewebe knöpf‘ ein Fremder

Dem Fremden, sinnreich und der List gewohnt,

Zur Falle vor die Füße; zwischen uns

Sei Wahrheit.  Ich bin Orest!

Iph: Mein Schicksal ist an deines fest gebunden.

Orest: Wer bist du, deren Stimme mir entsetzlich

Das Innerste in seinen Tiefen wendet?

Iph: Es zeigt sich dir im tiefsten Herzen an:

Orest, ich bins! Sieh Iphigenien!

Ich lebe!

Orest:   Du!

Iph:             Mein Bruder!

Orest:                             Hinweg!

Iph:                                                 Fasse

Dich, Bruder, und erkenne die Gefundne!

O nehmt den Wahn ihm von dem starren Auge,

Dass uns der Augenblick der höchsten Freude

Nicht dreifach elend mache!  Sie ist hier,

Die längst verlorne Schwester.  Vom Altar

Riss mich die Göttin weg und rettete

Hierher mich in ihr eigen Heiligtum.

Gefangen bist du, dargestellt zum Opfer,

Und findest in der Priesterin die Schwester.

[Iphigenie, Orestes, Pylades, Artemis ab.]

Magister Ludi: Iphigenie wurde von Artemis vom Opfer zur Priesterin befördert, doch das bedeutete, dass sie jetzt ihren eigenen Bruder opfern sollte. Darauf hat sie aus eigenem Willen verzichtet.

[Sitzt oder kniet in Versenkung, lädt das Publikum ein, das Gleiche zu tun. Ein paar Minuten Stille; oder es kann Musik geben.]

Trope 5: Christus auf Golgotha

Magister Ludi: Christus tritt als Opfer auf. Als Gott und Mensch zugleich vereint er in seiner eigenen Person die Rollen des Priesters und des Opfers.

Text:   Hebräerbrief (passim), Lukas 23

Magister Ludi: Die Körper der Tiere, deren Blut vom Hohenpriester zur Sühnung der Sünde in das Heiligtum gebracht wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt. Deshalb hat auch Jesus, um durch sein eigenes Blut das Volk zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten.

[Christ tritt bei Position 2 ein, Reuiger Schächer tritt bei Position 5 (rechts) ein, Unreuiger Schächer tritt bei Position 5 (links) ein.  Alle knien vor dem Altar.]

Magister ludi: In das erste Zelt gehen die Priester das ganze Jahr hinein, um die heiligen Dienste zu verrichten. In das zweite Zelt aber geht nur einmal im Jahr der Hohepriester allein hinein, und zwar mit dem Blut, das er für sich und für die Vergehen des Volkes darbringt.

[Christus und beide Schächer stehen auf und beginnen einen Rundgang um den Altar: Christus geht zu Position 1, Reuiger Schächer geht zu Position 4 (links), Unreuiger Schächer geht zu Position 4 (rechts).]

Christus aber ist gekommen als Hoherpriester der künftigen Güter; und durch das erhabenere und vollkommenere Zelt, das nicht von Menschenhand gemacht, das heißt nicht von dieser Welt ist, ist er ein für allemal in das Heiligtum hineingegangen, nicht mit dem Blut von Böcken und jungen Stieren, sondern mit seinem eigenen Blut, und so hat er eine ewige Erlösung bewirkt.

Denn Christus ist nicht in ein von Menschenhand errichtetes Heiligtum hineingegangen, in ein Abbild des wirklichen, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor Gottes Angesicht zu erscheinen; auch nicht, um sich selbst viele Male zu opfern, (denn er ist nicht) wie der Hohepriester, der jedes Jahr mit fremdem Blut in das Heiligtum hineingeht; sonst hätte er viele Male seit der Erschaffung der Welt leiden müssen. Jetzt aber ist er am Ende der Zeiten ein einziges Mal erschienen, um durch sein Opfer die Sünde zu tilgen.

Christus: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir geschaffen; an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen. Da sagte ich: Ja, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle -, um deinen Willen, Gott, zu tun.

Unreuiger Schächer:  Bist du denn nicht der Messias? Dann hilf dir selbst und auch uns!

Reuiger Schächer: [dem unreuigen Schächer] Nicht einmal du fürchtest Gott? Dich hat doch das gleiche Urteil getroffen. Uns geschieht recht, wir erhalten den Lohn für unsere Taten; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. [zu Christus]  Jesus, denk an mich, wenn du in dein Reich kommst.

Christus: Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. [nach einer Pause, den Anwesenden] Es ist vollbracht.

[Jesus geht zu Position 3, sitzt auf Kathedra.

Reuiger Schächer geht zu Position 3; unreuiger Schächer ab.]

Glosse der Sentenz

Magister Ludi: Die früheren Opferakte werden von der Gottheit abgeschafft, aber das letzte Opfer ist Christus: Er löst das Dilemma des Menschenopfers, indem er sich selbst als Gott aufopfert. Nach seinem Opfer ist kein solches Opfer mehr nötig.

[Sitzt oder kniet in Versenkung, lädt das Publikum ein, das Gleiche zu tun. Ein paar Minuten Stille; oder es kann Musik geben.]

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