Prolog:

Wir stehen am Eingangstor eines Judenfriedhofes, wie Chagall es in seinem berühmten Gemälde dargestellt hat, mit dem Baum des Lebens, und dem hebräischen Zitat aus Ezekiel:

,Ich werde eure Gräber aufmachen, mein Volk, und euch aus euren Gräbern auferstehen lassen.‘

(Ezech. 37, xii)

Erster Akt

Zug 1:

Im Judenfriedhof zu Venedig schenkt Goethes Diener ihm einen Widderschädel, als ob er der Schädel eines Juden wäre.

Durch einen sonderbar glücklichen Zufall, dass Götze zum Scherz auf dem Judenfriedhof ein Stück Tierschädel aufhebt und ein Spässchen macht, als wenn er mir einen Judenkopf präsentierte, bin ich einen grossen Schritt in der Erklärung der Tierbildung vorwärts gekommen.  Nun steh ich wieder vor einer andern Pforte, bis mir auch dazu das Glück den Schlüssel reicht.

(Goethes Brief an Caroline Herder 4. Mai 1790)

Zug 2:

Im Friedhof zu Elsinore, schenkt der Totengräber Hamlet einen menschlichen Schädel, der der Schädel des toten Yoricks sein soll.

First Gravedigger: Here’s a skull now; this skull has lain in the earth three and twenty years.

Hamlet: Whose was it?

First Gravedigger: A whoreson mad fellow’s it was; whose do you think it was?

Hamlet: Nay, I know not.

First Gravedigger: A pestilence on him for a mad rogue, a‘ poured a flagon of Rhenish on my head once.  This same skull sir, this same skull sir, was Yorick’s skull, the King’s Jester.

Hamlet: Alas, poor Yorick! I knew him, Horatio, a fellow of infinite jest, of most excellent fancy; he hath borne me on his back a thousand times; and now how abhorred in my imagination it is, my gorge rises at it.

(Hamlet V, i)

Zug 3:

In der Unterwelt schenkt Hermes dem Orpheus den Schatten der Eurydike.

Sie aber ging an jenes Gottes Hand,

den Schritt beschränkt von langen Leichenbändern,

unsicher, sanft, und ohne Ungeduld.

Sie war in sich, wie Eine hoher Hoffnung,

und dachte nicht des Mannes, der voranging,

und nicht des Weges, der ins Leben aufstieg.

Sie war in sich.  Und ihr Gestorbensein

erfüllte sie wie Fülle.

Wie eine Frucht von Süssigkeit und Dunkel,

so war sie voll von ihrem grossen Tode,

der also neu war, dass sie nichts begriff.

(Rilke, ”Orpheus. Eurydike. Hermes”)

Zug 4:

In der Walpurgisnacht stellt Mephisto dem Faust die gespenstige, anscheinend enthauptete Figur Gretchens als eine Mirage vor.

Faust: Mephisto, siehst du dort

Ein blasses schönes Kind allein und ferne stehen?

Sie schiebt sich langsam nur vom Ort,

Sie scheint mit geschloss’nen Füssen zu gehen.

Ich muss bekennen, dass mir deucht,

Dass sie dem guten Gretchen gleicht.

Mephisto: Lass das nur stehn! Dabei wird’s niemand wohl.

Es ist ein Zauberbild, ist leblos, ein Idol.

Ihm zu begegnen ist nicht gut;

Vom starren Blick erstarrt des Menschen Blut,

Und er wird fast in Stein verkehrt;

Von der Meduse hast du ja gehört.

Faust: Fürwahr, es sind die Augen einer Toten,

Die eine liebende Hand nicht schloss.

Das ist die Brust, die Gretchen mir geboten,

Das ist der süsse Leib, den ich genoss.

Mephisto: Das ist die Zauberei, du leicht verführter Tor!

Denn jedem kommt sie wie sein Liebchen vor.

Faust: Welch eine Wonne! welch ein Leiden!

Ich kann von diesem Blick nicht scheiden.

Wie sonderbar muss diesen schönen Hals

Ein einzig rotes Schnürchen schmücken,

Nicht breiter als ein Messerrücken!

(Faust I, Walpurgisnacht-Szene)

Zug 5:

Im Land Moriah zeigt der Engel Abraham einen Widder, den er an Stelle Isaaks opfert.

Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander. Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und faßte das Messer, daß er seinen Sohn schlachtete.

Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, daß du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich in der Hecke mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes Statt.

Gen. xxii, 13

Akt 1 resümierende Formel:

Im Ort des Todes A zeigt oder schenkt X seinem Gefährten Y einen Gegenstand Z, der den Platz eines lebenden Menschen W einnimmt.

g (X,Y,Z)  -> p(Z,W)/_____A

[das heisst „X gibt Y Z, so dass Z den Platz von W einnimmt, im Kontext A“]

X => Goethes Diener, der Totengräber, Hermes, Mephisto, Abraham

Y => Goethe, Hamlet, Orpheus, Faust, Gott

Z =>  Widderschädel, Menschenschädel, Schatten, Widder

W => Jude, Yorick, Eurydike, Gretchen, Isaak.

A => Friedhof, Unterwelt, Hexenfest, Opferstein

Meditationsvorschriften der den Akt 1 resümierenden Formel:

Im Fall Isaaks konnte ein Widder den Platz eines Menschen einnehmen; aber wenn der Mensch zum Tier herabgesetzt wird, kann er wieder geopfert werden.

Zweiter Akt

Zug 1:

Wieder im Judenfriedhof zu Venedig erklärt Goethe den menschlichen Schädel als das Produkt der Differenzierung der Wirbelknochen.

Ebenso war es mit dem Begriff, dass der Schädel aus Wirbelknochen bestehe.  Die drei hintersten erkannt‘ ich bald, aber erst im Jahre 179[0], als ich an dem Sande des dünenhaften Judenkirchhofs in Venedig einen zerschlagenen Schöpsenkopf aufhob, gewahrt‘ ich augenblicklich dass die Gesichtsknochen gleichfalls aus Wirbeln abzuleiten seien, indem ich den Übergang vom ersten Flügelbeine zum Siebbeine und den Muscheln ganz deutlich vor Augen sah; da hatt‘ ich denn das Ganze im Allgemeinsten beisammen.

(Gedenkausgabe (1949), XVI, 881f.)

Zug 2:

„Im ernsten Beinhaus“ erklärt Goethe Schillers Schädel als das Produkt der geistigen Differenzierung.

Im ernsten Beinhaus wars, wo ich beschaute

Wie Schädel Schädeln angeordnet passten…

Nicht Ruh im Grabe liess man euch, vertrieben

Seid ihr herauf zum lichten Tage wieder,

Und niemand kann die dürre Schale lieben,

Welch herrlich edlen Kern sie auch bewahre.

Doch mir Adepten war die Schrift geschrieben,

Die heilgen Sinn nicht jedem offenbarte,

Als ich inmitten solcher starren Menge

Unschätzbar herrlich ein Gebild gewahrte,

Dass in des Raumes Moderkält und Enge

Ich frei und wärmefühlend mich erquickte,

Als ob ein Lebensquell dem Tod entspränge.

Wie mich geheimnisvoll die Form entzückte!

Die gottgedachte Spur, die sich erhalten!

Ein Blick, der mich an jenes Meer entrückte,

Das flutend strömt gesteigerte Gestalten.

Geheim Gefäss! Orakelsprüche spendend,

Wie bin ich wert, dich in der Hand zu halten?…

Was kann der Mensch im Leben mehr gewinnen,

Als dass sich Gott-Natur ihm offenbare?

Wie sie das Feste lässt zu Geist verrinnen,

Wie sie das Geisterzeugte fest bewahre.

(Goethe, „Bei Betrachtung von Schillers Schädel“)

Zug 3:

Gall in seinen anatomischen Demonstrationen erklärt die geistigen Funktionen im Menschen als eine Differenzierung des Hirnes.

Toutes ces anciennes formes et ces connexions mécaniques se transforment aujourd’hui en une collection merveilleuse à appareils matériels pour les facultés de l’âme.  De même que l’action des différentes viscères, et la sensation des différens sens se trouvent subordonnées à un appareil nerveux particulier, de même aussi chaque instinct, chaque faculté intellectuelle, se trouvent subordonnés dans l’homme et dans tous les animaux, à une partie quelconque de la substance nerveuse du cerveau.  Si donc l’esprit est insaisissable pour nous, au moins pouvons-nous le retrouver dans ses organes, qui nous donnent la mesure de l’intelligence de chaque espèce et de chaque individu.  Ils établissent non-seulement la ligne de démarcation entre l’homme et la brute, mais, en indiquant le degré de leurs facultés par celui de leur développement, ils nous apprennent aussi comment la nature qualifie l’homme pour être sage ou imbécille, pour commander ou obéir.

(Gall & Spurzheim, Recherches (1809), p.272 sq.)

Zug 4:

Gall sammelt interessante Schädel für sein privates phrenologisches Museum.

Le bibliothécaire de la Cour de Vienne interdit, dans son testament, qu’après sa mort sa tête fût examinée par Gall, de crainte d’indiscrétions; Gall put s’en moquer, sans jamais réussir à effacer cette image de lui-même où les autres lui reprochaient ce rôle de devin pervers : « Les hommes, malheureusement, ont une telle opinion d’eux-mêmes que chacun croit que je guette sa tête comme une des pièces les plus importantes de ma collection ». (Lantéri-Laura, Georges: Histoire de la  Phrénologie: Paris: PUF: 1970, 1993: p. 115.

Zug 5:

Broca differenzierte die Rassen des Menschengeschlechts durch Hirn- und Schädelmessungen.

Zug 6:

In L’Uomo delinquente differenzierte Lombroso einen Kriminaltypus durch Hirn- und Schädelmessungen an Hingerichteten und verstorbenen Lebenslänglichen  im Zuchthaus.

Akt 2 resümierende Formel:

Der Wissenschaftler X erklärt den Menschen W zum differenzierten Hirn Z im Kontext des Todes.

e(X,W)  -> p(W,Z)/____A

[das heisst „X erklärt W, so dass W den Platz von Z einnimmt, im Kontext A.“]

A => Friedhof, Beinhaus, anatomische Demo, phrenologisches Museum, Zuchthaus

X = Wissenschaftler => Goethe, Gall, Lombroso

W= Mensch

Meditationsvorschriften der den Akt 2 resümierenden Formel:

Laut dem Goetheschen Gesetz der Metamorphose verwandeln sich die Lebewesen in immer zahreichere höhere Formen, aber diese Differenzierung erlaubt, die Menschen zu Objekte wieder herabzusetzen, denn es ist ein Mittel, um sie zu bewerten.

Dritter Akt

Zug 1:

An der Universität Strassburg während der Nazi-Zeit bot der Professor der Anatomie zum Kauf an die anderen Universitäten des Reiches zum Medizinunterricht Hirne und Körperteile von Juden aus den Vernichtungslagern.

Akt 3 resümierende Formel:

Im Kontext des Todes gibt ein Mensch X einem anderen Y ein Hirn Z, so dass der Mensch W zum Objekt Z herabgesetzt wird.

g(X,Y,Z) -> p(W,Z)/_____A

[das heisst „X gibt Y Z, so dass W den Platz von Z einnimmt, im Kontext A“]

X = Wissenschaftler => NS-Arzt

Y => Universität

Z = Hirn

W => Jude

A => Vernichtungslager

Meditationsvorschriften der den Akt 3 resümierenden Formel:

Laut dem Goetheschen Gesetz der Metamorphose, verwandeln sich die Lebewesen in immer zahreichere höhere Formen; jetzt aber ist kein Friedhof gross genug, um die jüdischen Toten zu halten.

Epilog:

Wir verlassen den Judenfriedhof durch Chagalls Tor. Nochmals sehen wir den Baum des Lebens und lesen nochmal den auslautenden Satz von Goethes Text:

Nun steh ich wieder vor einer andern Pforte, bis mir auch dazu das Glück den Schlüssel reicht.

(Goethes Brief an Caroline Herder 4. Mai 1790)

Spiel resümierende Formel:

Der Mensch X macht den Menschen W zum Gegenstand Z im Kontext des Todes A.

K(X,W)  -> p(W,Z)/______A

[das heisst „X veranlasst W, dass W den Platz von Z einnimmt, im Kontext A“]

K = g, e

 

Meditationsvorschriften der das Spiel resümierenden Formel:

Wenn der Mensch zum Gegenstand wird, ist er im Begriff, zum Opfer zu werden. Ein Widder nimmt Isaaks Platz ein, aber wenn der Mensch zum Tier herabgesetzt wird, kann er nochmal geschlachtet werden. Die einzige Lösung: Sowohl die Natur als auch den Menschen mit moralischem Sinn, mit pietas, zu betrachten. Zurück zum Baum des Lebens!

Spiel resümiert in Kurzschrift

1          g(X,Y,Z)          ->         p(Z,W)           /____A

2.         e(X,W)            ->         p(W,Z)           /____A

3.         g(X,Y,Z)          ->         p(W,Z)           /____A

\        K(X)                ->         p(W,Z)           /____A

Kommentar

Mein Spiel ist auf den Elementen, die Hesse im Roman beschreibt, aufgebaut.  Das Spiel ist in Akte aufgeteilt. Jeder Akt besteht aus (einer Reihe von) Zügen.  Jeder Zug besteht aus einem Syntagma, einem Satz, mit dem ein Text verbunden ist.  (Diese Sätze sollen an die „Wende in einem Mythos“, „Bibelstelle“ oder „klassische Formulierung“ der Spiele Hesses erinnern.)  Nach jedem Akt wird eine resümierende Formel angegeben, die sämtliche Züge des Aktes verallgemeinert und zusammenfasst und in der jedes Element von einem allgemeinen Klassenbegriff ersetzt wird.  Danach folgt eine Meditation über diese Formel und den einzelnen Zügen. Nach dem letzten Akt kommt eine das ganze Spiel resümierende Formel.  Diese Formel wirkt noch verallgemeinernder, denn ihre Aufgabe ist es, die Akte des Spieles und ihre einzelne Züge auf einer abstrakten Ebene zusammenzufassen.  Es folgt eine abschliessende Meditation über diese abstrakte Formel. Am Anfang des Spiels beschwört ein Prolog das Thema des Ganzen, und am Ende beschwört ein Epilog nochmals das Thema als Anlass zu einer abschliessenden Meditation.

Soweit ist mein Spiel auf Hesses Muster aufgebaut.  Es besteht aus einer Reihe von Syntagmata aus verschiedenen intellektuellen Bereichen (Religion, Medizin, Wissenschaft, Literatur, Geschichte).  Sie ermöglicht geistliche Meditation.  Die Syntagmen sind formell aufgebaut, was ihre Isomorphie aufweist.  Man könnte sagen, das Spiel ist insofern rhythmisch, als es auf der wiederholten Gestik eines Aufnehmens und Zeigens beruht, wie in einem Ballett; dann im zweiten und im dritten Akt wird die Gestik zu etwas Abstrakterem gesteigert.

Die Züge sind alle „Stellen“ aus Literatur oder Geschichte.  Ich habe keine formelle Syntagmata verwendet – etwa eine Mozartmelodie oder eine Planetenbahn. Auf der anderen Seite fehlt die Hieroglyphik oder Kalligraphie.  Ich habe versucht, die formelle Struktur der Syntagmata durch die Symbolik der algebraischen Logik auszudrücken.  Die einzelnen Elemente sollten eigentlich durch passende Hieroglyphen symbolisiert werden.  Auch die Elemente, die in der resümierenden Formel das Vorangegangene auf maximal abstrakter Ebene zusammenfassen, sollten ihre eigene Hieroglyphen haben.  Aber wie diese Hieroglyphen aussehen sollten, bleibe für jetzt dahingestellt.  Ich hoffe, bezugnehmend auf die Zeichen des Bischofs Wilkins (1668) in nächster Zukunft einen passenden Vorschlag zu diesem Punkt machen zu können.

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