Sentenz:

Subjekt wird befohlen, etwas Lebloses in das Erdreich zu stellen, und daraus entsteht neues Leben.

 Termini:

Subjekt = Kadmus, Jason, Deukalion und Pyrrha, Ezechiel, Johannes der Täufer

Verb = säen, werfen, beerdigen

Objekt (etwas Lebloses): Drachenzähne, Steine, Gebeine, toter Christus

Subjekt 2 (neues Leben) = Krieger, neue Ahnen, auferstandener Christus

Verb = aufsteigen, emporsteigen, auferstehen.

 Akt 1: archaisches Griechenland

Trope 1.1

Kadmus, der den Drachen (Schlange) des kastalischen Brunnens erlegt hat, wird befohlen, dessen Zähne im Erdreich auszusäen. Krieger springen empor, er wirft einen Stein in ihre Mitte, sie kämpfen untereinander und nur wenige überleben. Diese werden zu seinen Dienern und zu den Ahnen der Thebäer.

Glosse 1

Kadmus sät die Drachenzähne aus, um seine verlorenen Begleiter, die vom Drachen getötet wurden, durch neue zu ersetzen. In vielen Mythen sind die Menschen autochthon – sie stammen aus dem Erdreich, wie die Saat, die ausgesät wird und emporwächst. Die Athener waren autochthon gemäß Platon. Sie wurden mythisch mit Schlangen assoziiert (Erechtheus u.a.). Schlangen sind passende Ahnen für die Autochthonen, denn sie leben im Erdreich und bewegen sich auf dem Boden.

Glosse 2

Zähne kommen aus dem Mund und werden benutzt, um zu beißen, aber auch um Buchstaben der Sprache auszusprechen. Kadmus brachte die Buchstaben aus Palästina nach Griechenland und säte sie in dem Sinne aus, als er sie für das Schreiben der griechischen Sprache anpasste.

Trope 1.2

Jason wird befohlen, die restlichen Zähne des Drachens im Acker von Kolchis auszusäen. Krieger springen empor, er wirft einen Stein in ihre Mitte, sie kämpfen untereinander und bringen sich alle gegenseitig um.

Glosse

Keine der Krieger überleben; sie werden nicht zu Begleitern oder Ahnen einer neuen Sippe. Die gesäten Männer müssen voneinander getötet werden, wie das Korn gemäht werden muss, damit man es ernten kann. Jason braucht keine neuen Begleiter, denn er hat die Argonauten bei sich.

Trope 1.3

Deukalion und Pyrrha wird befohlen, die Gebeine der Mutter Erde (das heißt Steine) aufzunehmen und diese über ihre Schultern zu werfen. Die Steine springen als Männer und Frauen empor, Ahnen eines neuen Menschengeschlechts.

Glosse 1

Nicht Zähne, sondern Steine werden gesät, und die Steine werden nicht geschleudert, um Streit und Tod zu erzeugen, sondern um Liebe und Leben zu erzeugen. Die Gesäten sind keine Krieger, sondern Männer und Frauen, die sich paaren und fortpflanzen werden. Agrikultur ist ein Säen der Saat ins Erdreich, das in einigen Monaten eine Ernte hervorbringt. Paaren ist ein Säen der Saat im Schoß, das in neun Monaten Menschen hervorbringt. Deukalion und Pyrrha säen die Steine nicht im Erdreich. „Schleudert sie über eure Schultern”, wird ihnen befohlen, damit sie die Verwandlung nicht sehen, damit diese versteckt bleibt, genau wie die Saat im Erdreich versteckt bleibt, bis sie als Korn emporwächst.

Glosse 2

Der Begriff der Steine als Gebeine der Erde ist rhetorisch, ein Sprachelement. Es gibt auch ein Wortspiel über laas (Steine) und laos (Volk).

Akt 2: die Bibel

Trope 2.1

Ezechiel in seiner von Gott eingegebenen Vision sieht eine Wüste mit Gebeinen, doch die Gebeine rücken zusammen und springen als Krieger empor, ein ganzes Heer; immer noch haben sie kein Leben in sich. Die Winde kommen und hauchen ihnen schließlich Leben ein.

Glosse 1

Ezechiels Vision ist nicht eine von der Geburt, sondern eine der Auferstehung der toten oder niedergeschlagenen Israeliten. Auch als sie von den Toten auferstehen, bleiben sie tot, bis die Winde ihnen Leben einhauchen.

Glosse 2

In der Kabala werden Ezechiels Gebeine metaphorisch als die Konsonanten gedeutet, in die der Hauch (Vokale) kommen muss, damit Sprache entsteht. Vorlesen heißt, die toten Gebeine des Textes ins Leben rufen.

Trope 2.2

Johannes der Täufer sagt den Israeliten, dass Gott aus den Steinen der Wüste Kinder Abrahams machen kann, wenn er es befiehlt.

Glosse 1

Das Erzeugen neuer Ahnherrn für die Menschen wird hier nicht vollgezogen, es wird nur als Möglichkeit erwähnt. Laut Lukas und Matthäus 3,7 nennt Johannes seine Zuhörer “Schlangenbrut”.

Glosse 2

Es gibt ein Wortspiel in Matthäus 3, 9 zwischen “Söhne” (banim) and “Steine” (abanim).

Trope 2.3

Es wird befohlen, Christus im Grab zu bestatten und von Kriegern bewachen zu lassen, doch Christus wälzt den Stein weg und steht auf.

Glosse 1

Die Krieger sind schon vorhanden und müssen nicht ausgesät werden, doch Christus steht auf von den Toten und siegt über sie. Tote Männer werden in das Erdreich gesät, wie Christus. Die Auferstehung Christi wird von diesem vorausgesagt mit der Metapher des Kornes, das sterben muss, damit es erneut auflebt.

Glosse 2

Christus ist der Logos, das Fleisch gewordene Wort.

Schlussfolgerung

Zu Glosse 1

Gebeine, Zähne und Steine sind alle hart und leblos. Das ist das große Geheimnis für die Menschheit, dass Leben aus dem Leblosen kommt.

Zu Glosse 2

Logos – die Sprache – wenn man diese schreibt, wird auf dem Blatt gesät, wo sie wie tot liegenbleibt, bis ein Leser den Text durch Vorlesen, mit seinem Hauch wieder lebendig macht und die Ernte desselben erntet. „Einer sät, ein anderer erntet.“

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