In Hermann Hesses letztem Roman Das Glasperlenspiel wird ein Spiel beschrieben.  Dieses Spiel wird von einer geistigen Elite in einem zukünftigen Europa gespielt.  Es ist ein intellektuelles Spiel, kein Wettbewerb, eher eine Art von Musizieren mit Werten der herkömmlichen Kultur.  Die Spiele werden eben komponiert und werden wie Musik gespielt.  Im Text stehen zahlreiche Hinweise von Hesse auf die Beschaffenheit, die Regeln, die Stimmung, die Ideologie oder die Ethik des Spieles, der Autor kommt aber nie zu einer vollständigen oder systematischen Darlegung des Spieles.   Das ist schliesslich kein Wunder, denn Das Glasperlenspiel ist ein Roman, keine gelehrte Abhandlung.  Hesse hatte vermutlich kein Interesse, das Spiel vollständig zu beschreiben, er hat es wohl nicht durchgedacht und hatte keine Lust, ein tatsächliches Spiel zu kreieren und der Welt vorzuführen.

Auf Grund dieser Beschreibungen wäre es vielleicht sinnlos, das Glasperlenspiel (GPS) spielen zu wollen.  Aber das Spiel spielt sich in der Zukunft ab. Das Glasperlenspiel ist ein Zukunftsroman und beschreibt Dinge, die noch nicht passiert sind.  Versteckt sich hier nicht eine Einladung des Autors, das Spiel tatsächlich auszuarbeiten und womöglich zu spielen?

Das Glasperlenspiel ist sicher nicht Hesses einfachster Roman.  Jedoch bleibt er nicht vergessen oder ungelesen.  Hinweise darauf kommen immer wieder vor, vor allem im Internet und in der Kunstszene.  Aber die meisten dieser Versuche, die sich Glasperlenspiele nennen, haben wenig mit Hesses Idee zu tun.  Trotzdem gibt es immer wieder Interesse.  Hat Hesse uns etwas mit seinem Spiel zu sagen?  Ist das GPS eine Möglichkeit in unserer Welt?

Könnten wir das GPS nicht als Beitrag zur Kultur an und für sich betrachten?  Laut „Albertus Secundus“, einem vermeintlichen spätlateinischem Autor, den Hesse am Anfang des Romans zitiert, bringen wir das imaginäre Glasperlenspiel in die Wirklichkeit, indem wir es ernst nehmen.  In diesem imaginären Zitat, das von Hesse selbst stammt und das er als Motto seinem Werk vorausschickt, spricht Albertus Secundus über „gewisse Dinge, welche eben dadurch, dass fromme und gewissenhafte Menschen sie gewissermassen als seiende Dinge behandeln, dem Sein und der Möglichkeit des Geborenwerdens um einen Schritt näher geführt werden“.  Vielleicht sollten wir, die Leser, das Glasperlenspiel als ein „seiendes Ding“ behandeln, damit es zu Stande kommt.